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António Duarte Gomes Leal

Aus den Claridades do Sul – Klarheiten des Südens:
Der Visionär oder Klang und Farbe

 

An Eça de Queiroz.

 

I

Ich habe die Symphonien der Pflanzen gehört.

 

Ich bin ein Visionär, ein gesteinigter Weiser,
verbring’ – sie kommen und gehn – mein Leben mit Chimären,
während das Meer ein Monstrum aus blauen Kacheln erzeugt
und in der Höhe Gott die grünen Frühlinge mehrt.

In der Welt, wo’s auch sei, befind’ ich mich vereinzelt,
irr’ wie ein Ausländer, ein Mensch aus andren Ären,
aufgrund eines Vertrags voll Ironie vielleicht –
ich schloß ihn und vergaß es in andren, subtilen Sphären.

Das Schwert der Theorie und das austere Denken
haben in mir doch nicht das alte Gefühl ertötet;
es berauschen mich die Sonne, des hellen Tages Hymnen.

Und immer noch gehorsam der Liebe, die nicht veraltet,
suche ich überall nach der Musik der Farben –
hab’ in der Blume Färbung die Melodie gefunden.

 

 

II

J’ai vu les espèces et les formes,
j’ai vu l’esprit des choses.
Balzac: Séraphîta

 

Wohl weiß ich, daß die Pflanze betrügt, Natur uns täuscht
und daß der Sonne Pfeil uns zu meucheln vermag,
in eine Pest sich wandelt die heiter glänzende Bläue,
daß Perlen Kunde haben von Seuchen des Ozeans.

Alles ist Stoff und Kraft und allmächtiges Gesetz!
Und während die Lilie duftet und blasser wird der Mond,
empfindungslos vielleicht, erschafft die Erde jetzt
aus dumpfem Grund die Blume, die mich vergiften soll.

Ich weiß! Doch schweif’ ich gern im Wald der Theorien,
dem unermeßlichen, und hör’ die Melodien,
die sternen-, himmelwärts ausgehen von den Pflanzen.

Ah! Ich erblicke Jesus im Herzen dieser Rosen!
Nur ich vernehm’ die Blumen, die treu sind und melodisch!
Und die Lilie gilt mir als Hostie, in der Gott anwest.

 

 

Christine Kappe: Himmelsstürmer. Alle Rechte am Bild liegen bei der Künstlerin.

 

III

Das Rot muß wie der Klang
einer Trompete sein …
Ein Blinder.

 

Die Farbe, sie betört mich! – Die Rose ist wie die Leier;
die Leier ist durch die Zeit von Kränzen ganz umwunden,
und alt ist schon die Ehe, der geheiligte Bund,
von Noten, die Seufzer sind, und Farben, die uns ergreifen.

Wenn manchmal aus der Erde geistlose Blumen keimen,
Kamelien, theatralisch, voll weißen Überdrusses,
zieht oftmals eine Note geflügelt durch die Luft
wie die verlorne Farbe von Blumen, die verscheiden …

Es gibt ideale Pflanzen voll göttlichen Lobpreises,
die Schwestern der Oboe und Zwillinge der Geige;
Wimmern gibt es im Blau, Schreie im Karmesinrot …

Magnolien sind Harfen: ätherisch, parfümiert.
Der Kaktus mit großen Blüten, die rot, ja blutig sind,
hat kriegerische Noten, erklingt wie ein Clairon.

 

 

IV

 

Doch die, die ich verehre, die hieratische Fürstin,
von königlichem Adel wie Herrinnen von Brabant,
wie soll ich sie nur malen in ähnlicher Gestalt,
wenn die ganze Natur nicht Klang noch Farbe bietet?

Ihr Hals hat von der Lilie das starre Festgefügtsein.
Ihr Lieben ist ein Himmel: katholisch, auf Distanz …
Doch dieses Blickes Licht, welcher sonor erstrahlt,
erhebt so wie die Farbe und klingt so wie die Schönheit!

Nie wagt’ ich, sie anzusprechen – erweck’ ich in ihr Liebe?
Doch wenn ich schließlich sterbe, wird meine Brust erblühen
an Stelle meiner Liebe, als ob’s ein Seufzer wäre.

Als Blume, und wer weiß, sie stellt sie dann ans Fenster.
Die Blume ist rot und schwarz, hat die Form eines Sternes –
wie eine Symphonie, die finster ist von Schrecken.

 

 

Übertragung der vier Gedichte aus dem Portugiesischen: Cornelius van Alsum.
Alle Rechte an der Übertragung vorbehalten. –
Originaltitel: O Visionário ou Som e Côr.

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